Pandemiezeit ist Krüppelzeit

Wir leben jetzt seit über einem Jahr in einer Pandemie. Viele sind an Covid-19 gestorben – insbesondere auch marginalisierte Menschen, weil gerade das medizinische System Diskriminierungen verfestigt und verstetigt. Sei es Behindertenfeindlichkeit, Rassismus, Sexismus, Trans- und Interfeindlichkeit, Antisemitismus, Klassismus, Ageismus oder weitere Formen, inklusive ihrer intersektionalkyriachalen Ausprägungen.

Jedes Mal, wenn ich Covid-19 lese, muss ich innehalten und mir klar machen, dass Sars-CoV-2 sich bereits Ende 2019 verbreitete. Die Aktualität der Pandemie und die kontinuierliche Gefahr macht es schwer, sich eine Zeit davor oder danach vorzustellen. Neu auftretende Varianten wie B.1.1.7, B.1.351 und P.1, die sicher nicht die letzten Mutationen sein werden, bringen weitere Unabwägbarkeiten mit sich. Die Unsicherheit ist groß, Zukünfte sind ungewiss, Termine und Routinen vorläufig.

Bereits in einem im April 2020 erschienenen Artikel sagte Prof. Devi Sridhar, Expertin für öffentliche Gesundheit an der Universität von Edinburgh: „Jede*r will wissen wann es aufhört. Das ist nicht die richtige Frage. Die richtige Frage ist: Wie machen wir weiter?“ Und so wie es laut dem Impf-Rechner von Bogna Szyk and Philip Maus aktuell aussieht, ändert auch das Vorhandensein von Impfstoffen in absehbarer Zeit daran nichts. Nach aktueller Impfrate bei 85% Impfbereitschaft in Deutschland [1,2] dauert es nämlich noch dreieinhalb Jahre, bis alle, die geimpft werden wollen und können, es auch sind. Noch Ende Dezember war die Impfbereitschaft auf 46%. Es bleibt also abzuwarten wie viel und schnell das noch fluktuiert. Ein weiterer Unsicherheitsgeber.

Für viele, insbesondere nicht-behinderte, Menschen ist der durch die Pandemie entstandene Grad an Unsicherheit, erst recht mit der Nähe zum eigenen Körper, eine neue Erfahrung. Für viele behinderte Menschen war die Unsicherheit bereits vor der Pandemie eine alltägliche Erfahrung. Diese Unsicherheit bedeutet auch, Zeit als nicht-linear, unsicher und asynchron zu erleben. Dr. Ashley Shew sagte dazu: „Alles, was ich in meinen Kalender eintrage, ist mit einem Sternchen versehen. Vielleicht wird es passieren, vielleicht auch nicht, abhängig von meiner nächsten Krebsuntersuchung oder davon, was in meinem Körper passiert. Ich lebe bereits in dieser Welt, in der ich in immer kürzeren Abständen gemessen werde, in der meine Zukunft immer anders geplant ist.“

In einer Welt, die vor allem durch den Kapitalismus im Modus einer linearen, genormten und synchronen Zeit funktioniert und dies immer dichter taktet, um die maximal mögliche Ausbeutung zu erreichen, ist diese Art von Zeit ein Angriff, da sie Reibung erzeugt, und, wie es Alison Kafer (2013) sagt, „die Uhr verbiegt um behinderten Körpern und Verständen gerecht zu werden“ und „eine Herausforderung an normative und normalisierende Erwartungen an Takt und Zeitplanung“ stellt. (S.27)

Ich rede hier von Krüppelzeit (Crip Time), welche als Konzept in der Behindertengemeinschaft vor allem im anglo-sächischen Raum eine gewisse Verbreitung in der (Queer-)Crip Theory gefunden hat, und eine spezifische Art und Weise von Zeiterleben behinderter Menschen, aber auch eine Perspektive auf Zeit beschreibt. Dazu Alison Kafer:

"Wenn man mit Krüppelzeit arbeitet, kann es sich also nicht nur um eine langsamere Gangart handeln, sondern auch um behindertenfeindliche (ableistische) Barrieren, über die man wenig bis keine Kontrolle hat; in jedem Fall beinhaltet Krüppelzeit das Bewusstsein, dass behinderte Menschen mehr Zeit brauchen, um etwas zu erreichen oder irgendwo anzukommen (...). Aber Krüppelzeit bedeutet mehr als diese Art von pauschaler Verlängerung; es ist vielmehr eine Neuausrichtung auf die Zeit (...). Krüppelzeit ist flexible Zeit, die nicht nur erweitert wurde, sondern explodiert ist; sie erfordert, dass wir unsere Vorstellungen von dem, was in der Zeit passieren kann und sollte, neu überdenken oder erkennen, wie die Erwartungen, "wie lange Dinge dauern", auf ganz bestimmten Verständen und Körpern basieren." (Kafer 2013: 26f, eigene Übersetzung und Hervorhebung).

Die Pandemie verlangt von uns ein anderes Verständnis von Zeit und davon, „was in der Zeit passieren kann und sollte“. Das hat viel mit Crip Time gemein, sodass hier bereits bestehendes Wissen angewendet werden kann. Dr. Ashley Shew hat bereits in einem Nature-Artikel von Mai 2020 darauf hingewiesen, wie Krüppelzeit und angeeignete, abgewandelte und neue Technologien, die sie mit ihrem Team nutzte, in der Pandemie nun von ihren nicht-behinderten Kolleg*innen adoptiert werden: „Die meisten Studien können aus der Ferne gemacht werden, sogar vom Bett aus, und auf einem funky, asynchronen Zeitplan nach Bedarf. Letztes Jahr, als ich an der Lunge operiert wurde, konnte meine Gruppe ohne Probleme das Tempo wechseln. Und wegen seines behindertengerechten Designs ist das Projekt meines Teams pandemiesicher.“

Der Artikel hebt aber auch hervor, dass es eine „bittere Ironie“ hat, dass Erleichterungen zur Fortführung der Arbeit, wie Home Office, innerhalb weniger Wochen implementiert wurden, obwohl behinderte Menschen seit Jahrzehnten dafür kämpfen. Auch weil wir behinderte Menschen es konstant mit #beHindernissen zu tun haben sind wir, wie Liz Jackson es schreibt, die „Original-Lebenskünstler*innen„. Die für uns häufig unzugänglichen Umgebungen und unser intimer, nicht selten überlebensnotwendiger, Umgang mit Technologien macht behinderte Menschen zu den unerkannten Cyborgs dieser Zeit und besonders geeignet für die Raumfahrt. Dieses Wissen und diese Kompetenzen sind in einer pandemischen Welt existenziell und wenn die (nicht-behinderte) Gesellschaft Behinderung als valide und nicht als invalide anerkennen würde, wüsste sie um diese Schätze, die Leben rettet und noch mehr retten könnten.

Selbst, wenn die konkrete Pandemie irgendwann vorbei ist, gibt es immer noch „Long-Covid“, die Langzeitfolgen der Covid-Erkrankung, die immer noch unterschätzt werden. Dazu zählen auch weit verbreitet auftretende Organschäden mit noch unbekannten Folgen. Die Pandemie ist damit seit dem zweiten Weltkrieg womöglich eines der größten Massenbehinderungsereignisse. Nicht nur im deutschsprachigen Raum. Auch deshalb ist Pandemiezeit Krüppelzeit und es gilt gerade jetzt, #beHindernisse abzubauen. Dazu zählt auch die komplette De-Institutionalisierung und die Förderung von unabhängigen Wohnmöglichkeiten (inkl. behindertengeführter Wohngemeinschaften), denn „Behindertenheime“ sind gewaltvoll. Auch Behindertenwerkstätten gehören abgeschafft. Die gerade stattfindenden Vervielfältigungen und Individualisierungen von Arbeitsmöglichkeiten müssen ausgebaut werden. Immerhin gibt es nun endlich, aber viel zu spät, die Begründungspflicht für Arbeitgeber*innen, warum Home Office nicht möglich ist.

Jedwedes versuchte Erzwingen, zu einer imaginierten Normalität zurückzukehren, die bereits jetzt teilweise nostalgisch verklärt wird, ist zum Scheitern verurteilt und wird Menschenleben vernichten. Auch deshalb sind Initiativen wie ZeroCovid und deren Forderungen wichtig.

Zu sehen ist ein dunkler Raum. Im Hintergrund ein Schreibtisch aus Holz auf dem verschiedene Gegenstände liegen. Herausstechend ist ein rotes technisches Gerät mit leuchtendem Display. Im Vordergrund ist auf der rechten Seite eine Person die mit dem oberen Rücken an eine Wand gelehnt zu sein scheint und nach links schaut. Sie trägt eine braune Jacke mit Kapuze die über den Kopf gezogen ist und das schwarze Haar verdeckt. Der Untertitel ist in Englisch und wird hier übersetzt widergegfeben: "Du sagst ständig, dass du es nicht erwarten kannst, dass die Dinge wieder normal werden, aber die Normalität tötete uns"
Szene aus dem Anime Serial Experiments Lain (1998).

(Hinweis: Das englische Crip, kurz für cripple und das deutsche Wort Krüppel, sind, genauso wie „queer“ , ursprünglich abwertende Begriffe, die Betroffene reclaimed, sich also die Deutungsmacht darüber zurückgeholt, haben. Diese Wörter als Nicht-Betroffene*r zu verwenden, bleibt diskriminierend.)

Literatur
Kafer, Alison (2013): Feminist, Queer, Crip. Indiana University Press.

Änderungsprotokoll
21.02.03: Kleine Ausbesserungen der Grammatik und Rechtschreibung. Keine inhaltlichen Änderungen.

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