Was ist eigentlich Inspiration Exploitation?

Weil Instagram-Posts sich nicht so gut mit Menschen ohne Instagram teilen lassen, haben wir, also Romy und ich, entschieden, unseren gemeinsamen Post aus November 2021 auch noch hierher zu bringen.

Anhören:

Inspiration Exploitation bedeutet Inspirations-Ausbeutung. Der Begriff und seine Abkürzung Insploitation (Inspirausbeutung) wurden 2016 von EbThen auf Twitter geprägt. Inspirausbeutung beschreibt ein sehr verbreitetes (dis-) ableistisches Muster: Die Betrachtung von behinderten Menschen als reines Inspirations- oder Motivations-Objekt für Menschen ohne Behinderung.
Und unsere daraus folgende Entmenschlichung.

Vielleicht kennt ihr dafür eine andere Bezeichnung, die 2012 von der verstorbenen Journalistin und Aktivistin Stella Young geprägt wurde: Inspiration porn. Dieser Begriff bezieht sich in abwertender Form auf Sexarbeit und setzt Pornographie mit Ausbeutung gleich. Seine Verwendung wird deswegen, insbesondere von behinderten Sexarbeitenden, seit Jahren zu Recht kritisiert.
Bitte nutzt ihn nicht, sondern verwendet die genannten Alternativen.

Inspirations-Ausbeutung äußert sich häufig dadurch, dass wir als behinderte Menschen für alltägliche Dinge gelobt werden als ob wir etwas Außergewöhnliches leisten würden. Mir passiert das oft auf Hunde-Spaziergängen.Fremde Leute sprechen mich an und sagen: „Es ist so toll, wie Sie das machen. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich Sie sehe!“
Meine „tolle“ Leistung: Ich gehe mit einem Hund einen Weg entlang.
Der einzige Unterschied zu den meisten anderen, die da unterwegs sind: Ich nutze einen Rollator.

Inspirausbeutendes Lob ist herabwürdigend und verkennt die Situation.
Uns in dieser Welt, in dieser Gesellschaft und ihren Strukturen, zu bewegen, ist keine „mutige Entscheidung“, sondern schlicht eine Notwendigkeit. Zumindest ist mir noch nie eine gute Fee erschienen, die mich gefragt hat, ob ich vielleicht nochmal gehen und dann lieber irgendwann in eine Welt ohne Barrieren wiedergeboren werden möchte. Also laufe ich eben irgendwo rum. Oder sitze. Manchmal fahre ich auch und sehr oft liege ich. Und fremde Menschen können überhaupt nicht wissen, wie leicht oder schwer mir das fällt.

Inspirausbeutung beinhaltet immer (dis-)ableistische Ideen, Vorstellungen und Zuschreibungen.
Zum Beispiel die Idee, dass Behinderung ein furchtbares, über uns verhängtes Schicksal sei. Dass wir eigentlich die ganze Zeit tieftraurig über unser mutmaßlich ach so schreckliches Leben sein müssten.
Es geht also nicht um mich, sondern um das, wofür ich sinnbildlich stehe:  Die Vorstellung, dass Leute alle Hindernisse überwinden können, wenn sie sich nur genug anstrengen. Diese Idee wird gerne von Menschen ohne Behinderung genutzt, um sich oder andere zu motivieren.

Inspirations-Ausbeutung basiert auf den Gedanken:

Wenn eine behinderte Person etwas kann, hat ein Mensch ohne Behinderung keine Entschuldigung dafür, es nicht zu können. Er hat es dann nur noch nicht genug versucht.

Wenn sogar eine behinderte Person Freude in ihrem Leben hat, dann sollte ein Mensch ohne Behinderung nicht unglücklich sein. Und wenn er es doch mal ist, kann er sich ja damit trösten, immerhin nicht behindert zu sein.

Aus inspirausbeutender Sicht sind wir kein gewöhnlicher Teil der Gesellschaft. Wir sind besondere Wesen, die von Zeit zu Zeit irgendwo auftauchen, um Menschen ohne Behinderung daran zu erinnern, wie gut sie es im Vergleich zu uns doch haben. Schließlich sind sie „normal“ und nicht-behindert. Auch das höre ich übrigens häufiger von fremden Menschen, mit denen ich irgendwo ein kurzes Gespräch führe: „Na, im Vergleich zu Ihnen darf ich mich ja nicht beschweren.“ Achso?

Anzuerkennen, in welchen Bereichen wir selbst gesellschaftliche Vorteile erfahren, ist gut und wichtig.
Wir verbessern aber nichts, indem wir uns ins Zentrum stellen und alle „mitleids-bewundern“, die (vermeintlich) schlechter gestellt sind als wir selbst. Veränderung erreichen wir nur, indem wir aktiv daran arbeiten, die Umstände für alle zu verbessern, die von struktureller Gewalt und Diskriminierung betroffen sind. Inspirausbeutung bewirkt das Gegenteil: Sie reduziert Menschen auf ihre Behinderung.

Wenn ihr, Menschen ohne Behinderung, das nächste Mal auf der Suche nach Inspiration seid:

Fragt, was die behinderten Menschen in eurem Umfeld gerade wirklich brauchen könnten.
Hört uns zu, wenn wir euch sagen, wie ihr zum Barrierenabbau beitragen könnt. Fangt an, uns als Expert*innen für unsere eigenen Belange anzuerkennen. Und fragt jetzt, wo die Infektionszahlen wieder so hoch sind, gerne auch mal nach Tipps. Viele von uns kennen sich mit Isolation und Selbstschutz notgedrungen sehr gut aus und teilen ihre Erfahrung gern mit euch.

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