Drei Modelle von Behinderung. Teil 3: Warum Behinderung nicht natürlich ist.

Im letzten Teil dieser Reihe stelle ich das kulturelle Modell von Behinderung vor. Dessen Ursprung findet sich Ende der 1990er, Anfang der 2000er Jahre im anglo-amerikanischen Raum (Waldschmidt 2007).
Das kulturelle Modell von Behinderung greift den poststrukturalistischen linguistic turn und cultural turn auf und radikalisiert die Annahme über die soziale Formung von Körpern, welche im sozialen Modell noch nicht vorhanden ist.

Der cultural turn in diesem Zusammenhang meint, die Anerkennung, dass Körper in Abhängigkeit von Zeit, Ort und sozialen Faktoren ein Produkt der Konstruktion ist. Unser Verständnis was Körper sind und was sie nicht sind, hat sich über Zeit, Ort und soziale Faktoren immer wieder verändert.
Der lingustic turn bezeichnet eine Zuwendung und Anerkennung der Sprache als machtvolles, strukturierendes und keinesfalls objektives Instrument.

Im Deutschen wie im Englischen lässt sich den in der Sprache liegenden Machteffekt anhand eines Beispiels verdeutlichen. „Wie geht’s dir?“ bzw. „How it’s going?“ sind Redewendungen, welche eine Perspektive auf Fortbewegung bzw. Fortkommen legen und an persönliches Befinden koppeln. „Gehen“ als Akt ist dabei das natürliche, das selbstverständliche und somit als normal gesetzte. Die Herabsetzung anderer Fortbewegungsstile (z.B. rollen) findet sich auch überall baulich wieder in Form von: Treppen. Und ebenfalls relevant ist das, was nicht vorhanden ist und weggelassen wird, nämlich vielerorts Alternativen zu den Treppen. Ähnlich verhält es sich mit diversen ÖPNV oder Sanitäranlagenausführungen.

Das kulturelle Modell kritisiert am sozialen Modell die immer noch vorhandene Zweiteilung von „Natur“ und „Kultur“ und damit die Aufrechterhaltung von „impairment“ und „disability“. Damit bleibt die Feststellung einer körperlichen Fehlfunktion, Schädigung oder chronischer Krankheit unangetastet im Feld der Medizin, welche weiterhin als objektive Definitionsmacht fungiert. Doch die Feststellung folgt bei weitem nicht objektiv, sondern ist geprägt von unterschiedlichsten sozialen Faktoren. Ebenso wie die Erkenntnisse der Medizin selbst. Sie ist nicht frei von Diskursen über Erkenntnisse und auch nicht von Machtstrukturen.

Die Aufteilung des Behindert-Seins und Behindert-Werdens im sozialen Modell hat außerdem zur Folge, dass Körper nur im Bezug auf ihre Schädigung und Fehlfunktion relevant gemacht werden. Sie sind somit für behinderte Menschen als Identitätsmarker verwehrt, sofern das individuell-medizinische Modell nicht mitzitiert werden soll. Damit hat das soziale Modell einen essentialistischen Kern, weil es impairment als gegeben, als natürlich voraussetzt und darauf dann die sozial hergestellte Behinderung aufsetzt.

Und hier setzt das kulturelle Modell an: Es hinterfragt, wie etwas als Schädigung bzw. Fehlfunktion definiert wird und zeigt auf, dass verschiedenste Diagnosen sich im Laufe der Zeit verändert haben und somit „Schädigungen“ und „Fehlfunktionen“ nicht natürlich sind. Ihre Sichtbarkeit, Bemerkung, Kategorisierung und Bewertung sind hochgradig abhängig von Zeit und Ort und den damit verbundenen sozialen und kulturellen Faktoren.

Körper sind also ebenfalls Diskursen aus unterschiedlichen Feldern ausgesetzt und sie sind keinesfalls „einfach nur“ Körper. Das zeigt sich u.a. an den sich veränderten Schönheitsnormen allein um Verlauf des 20. Jahrhunderts.

Sowohl für das individuell-medizinische als auch das soziale Modell stellt Behinderung ein Problem dar, dass irgendwie gelöst werden muss. Entweder durch Therapie oder Abbau von Barrieren. Es sind „operative Strategien, anwendungsorientierte Programme, die Lösungsvorschläge formulieren für etwas, was offenbar >stört< und deshalb >behoben< werden soll.“ (Waldschmidt 2005).

„Was also wäre, wenn mit Behinderung weniger ein zu bewältigendes >Problem<, sondern vielmehr eine spezifische Form der >Problematisierung< körperlicher Differenz darstellte?“ (Waldschmidt 2005). Damit rückt nicht nur „Behinderung“ in den Fokus, sondern auch „Normalität“ und wie diese sich gegenseitig herstellen und konstituieren. Hier kommt auch ein Kern des Poststrukturalismus zu Tragen: Die Definition des Eigenen geht nur mit Hilfe und über die Definition des Fremden. Also wie etwas NICHT ist.

Die Konstruktion von Wissen über Körper, Normalität und Abweichung ist das Interesse des kulturellen Modells; Wie inklusive und exklusive Praktiken, wie Identität und Subjektbegriffe geformt werden.

Und als Ziel reicht dem kulturellen Modell nicht Sozialleistungen und Bürgerrechte, sondern es bedarf kulturelle Repräsentation behinderter Menschen. Um Anerkennung und Teilhabe zu erreichen, dürfen behinderte Menschen nicht als zu integrierende Minderheit angesehen werden, sondern als integraler Bestandteil der Gesellschaft. Es muss aufgehört werden homogene Gruppen zu bilden und sie gegeneinander zu hierarchisieren um stattdessen die eigene Heterogenität anzuerkennen und wertzuschätzen (vgl. Waldschmidt 2005).

 

Literatur:
Barnes, Colin (2012): Understanding the social model of disability: past, present and future. In: Watson, Nick/Roulstone, Alan/Thomas, Carol (Hg.): Routledge Handbook of Disability Studies. Oxon/New York, NY: Routledge, S. 12-29.

Waldschmidt, Anne (2005): Disability Studies: Individuelles, soziales und/oder kulturelles Modell von Behinderung? In: Psychologie und Gesellschaftskritik 29 (1), S. 9-31. http://bidok.uibk.ac.at/library/waldschmidt-modell.html#idm770320  (zuletzt abgerufen: 03.02.2016)

Waldschmidt, Anne (2007): Macht – Wissen – Körper. Anschlüsse an Michel Foucault in den Disability Studies. In: Waldschmidt, Anne/Schneider, Werner (Hg): Disability Studies, Kultursoziologie und Soziologie der Behinderung. Erkundungen in einem neuen Forschungsfeld. Bielefeld: transcript.

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