Offener Brief an das Theater Erfurt

Zum Mitunterzeichnen bitte einen Kommentar hinterlassen, in  dem steht, dass und wie ihr unterzeichnen wollt,  Ash auf Twitter oder Instagram anschreiben oder eine E-Mail an behindernisse@gmail.com schicken. Danke! ❤

Anhören:

Tausend Dank für die Audioversion an Yvonne Tang!

Content Note: Nennung des rassistisch-ableistischen Begriffs sowie des dazugehörigen rassistisch-ableistischen Gedankenkonstruktes

An den Generalintendanten des Theaters Erfurt Guy Montavon,
den stellvertretenden Generalintendanten Johannes Beckmann,
den Regisseur Bastian Heidenreich,
die Dramaturgin Lisa Evers, 
an den Autor Sergej Gößner, 
den  Rowohlt Theater Verlag
und alle weiteren Verantwortlichen,

Ihre Entscheidung, ein Stück zu verfassen, zu verlegen, aufzuführen und zu bewerben, in dessen Titel ein rassistisch-ableistisches Schimpfwort reproduziert wird, ist nicht vertretbar.

Wir befinden uns im dritten Jahr der Corona-Pandemie. Rassistische Übergriffe auf ostasiatisch gelesene Menschen haben seit Anfang 2020 deutlich zugenommen.
Der rassistische Terrorakt von Hanau jährt sich kommenden Samstag zum zweiten Mal.
Sogenannte „Querdenker“ radikalisieren sich zunehmend und viele behinderte und/oder chronisch kranke Menschen müssen sich aus Selbstschutz bereits das dritte Jahr in Folge isolieren. Personen mit Regierungsverantwortung haben die Pandemie-Eindämmung offensichtlich aufgegeben und setzen stattdessen auf eine sozialdarwinistische Durchseuchungsstrategie.

Inmitten dieser Situation bewirbt das Erfurter Theater ein Stück namens „Mongos“.
In großen Lettern wird die rassistisch-ableistische Abwertung präsentiert, als Hashtag verbreitet, allen in Erinnerung gerufen, die den Begriff lange nicht hören oder lesen mussten, und allen vermittelt, die ihn noch nicht kannten. Er geht auf Vertreter von Rassenlehre und Eugenik zurück. Sie betrachteten Menschen mit Down-Syndrom, und aus damit verbundenen rassistischen Zuschreibungen folgend auch (ost-) asiatische Menschen, als „menschliche Grenzfälle“, die sich „auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe“ befänden als weiße Personen.
Viele Menschen investieren regelmäßig Zeit und Energie in Aufklärungsarbeit und Aktivismus, um eine inklusive und antidiskriminierende Gesellschaftshaltung zu fördern. Ein derartiges Wort auf die von Ihnen gewählte Art zu verwenden und zu verbreiten, gleicht einer Missachtung dieser Bemühungen.

Der Umgang mit dem Stück, mit der Kritik daran und mit behinderten Menschen fügt sich sehr passend in das aktuelle gesellschaftliche Klima, in dem die Kluft zwischen chronisch gesunden Menschen ohne Behinderung und chronisch kranken und/oder behinderten Menschen immer größer wird.
Behinderte Menschen werden übergangen, vergessen, ignoriert – und, wie im Fall derer, die im Wohnheim der Sinziger Lebenshilfe ertranken, auch nicht evakuiert.

Die Schauspieler*innen, die im Stück behinderte Menschen verkörpern sollen, sind nicht behindert. (Cripping up)
Sowohl die für die Besetzung zuständigen Personen als auch die Darstellenden tragen damit aktiv zur weiteren Marginalisierung behinderter Menschen bei. Behinderte Schauspieler*innen werden bereits ohne pandemiebedingte zusätzliche Einschränkungen seltener engagiert – zumindest behinderte Protagonist*innen sollten durch behinderte Menschen verkörpert werden.
Eine Besetzung durch und mit chronisch gesunden Menschen ohne Behinderung führt immer wieder zur Reproduktion ableistischer Stereotype und verhindert Inklusion damit auf mehreren Ebenen.
Ein Stück, das die Lebensrealität einer marginalisierten Gruppe thematisiert und einen gesellschaftlichen Nutzen haben soll, sollte immer mit Beteiligung von Regisseur*innen, Autor*innen, Dramaturg*innen und/oder Schauspieler*innen entstehen, die zu der jeweiligen Gruppe gehören.

Als am Freitagabend, dem 11.02.2022, der Beitrag über das Theaterstück des Theaters Erfurt auf Instagram gepostet wurde, stieß dieser aufgrund der oben genannten Punkte auf Kritik bei Inklusionsaktivist*innen. Diese war konstruktiv formuliert und bot Denkanstöße, um sich mit der Problematik auseinanderzusetzen. Auch viele nicht-behinderte Menschen schlossen sich der Kritik aus der Community an.
Wenige Stunden danach stellten wir fest, dass der Post auf Instagram gelöscht wurde. Die einzige Reaktion auf die vielfache Kritik durch Negativbetroffene war die Aufforderung, das Stück ganz anzuschauen. Ein Diskurs und offener Umgang mit Kritik sehen definitiv anders aus. Es entsteht bei uns der Eindruck, wir würden als Störfaktor wahrgenommen, der möglichst schnell verstummen soll. Obwohl doch wir jene marginalisierte Gruppe sind, die in diesem Theaterstück thematisiert wird. Der Leitspruch der Behindertenbewegung „Nichts über uns ohne uns“ wird also wieder einmal ad absurdum geführt. 
Schockierende Darstellungen regen nicht zur Reflexion an, sondern normalisieren das „Unsagbare“. Durch diese Normalisierung ist eine diskriminierungssensible Auseinandersetzung mit dem Stück nicht oder kaum möglich. Den meisten Menschen wird der rassistisch-ableistische Titel auf Social Media, im Feuilleton oder in der Plakatierung ohne jeden weiteren Kontext präsentiert. Sie sehen das Stück nicht. Einzig die gewaltvolle Sprache bleibt normalisiert in Erinnerung. Das ist nicht hinnehmbar. 

Die Lebensrealität marginalisierter Gruppen ist keine „Schocksituation“. Wer das als Argument zur stereotypen Darstellung behinderter Menschen nutzt, bedient sich eines verbreiteten ableistischen Musters: Inspiration Exploitation (Inspirations-/Motivations-Ausbeutung).
Inspiration Exploitation beinhaltet keine Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Diskriminierung und dient erst recht nicht als adäquates Mittel, struktureller Gewalt entgegenzuwirken.
Im Gegenteil: Marginalisierte Menschen lediglich als Inspirationsquelle zu betrachten und dahingehend auszubeuten, stärkt unterdrückerische Strukturen. Um es mit den Worten deutsch-asiatischer Kunst- und Kulturschaffender in einem offenen Brief aus dem Jahr 2019 zu sagen: „Wir sind mehr als eure Inspiration – Würdigt uns. Engagiert uns. Bezahlt uns.“

Wir fordern eine kritische Auseinandersetzung mit der Reproduktion von Ableismus, dem Stigma, dem behinderte und/oder chronisch kranke Menschen ausgesetzt sind, mit Cripping Up und der Besetzungspraxis des Theaters Erfurt und mit dem Rassismus innerhalb des Begriffs im Titel des Stücks.
Vor allem Kunst und Kultur sollten, anstatt auf „Clickbait“ zu setzen, verantwortungsvoll handeln, sich mit aktuellen politischen Diskursen beschäftigen und sie entgegen gesellschaftlicher Machtstrukturen thematisieren. Die Mittel der Kunst sind kein Vorwand zur Reproduktion von struktureller Gewalt, sondern bieten die Möglichkeit, Gesellschaft neu zu denken. Es wäre wünschenswert, dass (mehrfach) marginalisierte Menschen an der Produktion auf und hinter der Bühne und in Entscheidungspositionen beteiligt werden.

Verfassende:

Ash B., be-hindernisse.org

Fluff, minzgespinst.net

Jan Wendland (Einzelperson, Behinderung: Spina bifida, Rollstuhlfahrer)

Jay (Einzelperson, behindert)

Yvonne Tang

Erstunterzeichnende:

Jorinde Wiese

Madeleine Littwin

Ulli 

Anne Wizorek, Publizistin

Gracien Tshitenga

Raul Krauthausen

Qube – Queere Bildungs- und Antidiskriminierungsarbeit in Mecklenburg-Vorpommern

Teresa S.

Annalena Wille

Diana Cordova

Alina Buchberger, Dramaturgin

Karina Brall

Micah Camille Randel

Katrina L.

Kübra Sekin

Ginnie Bekoe

Xuân Nguyễn 

Timur Ayar

Freddy Mo Wenner

Meike Misia 

Laura Börnert

Daniela Kubiak 

Victoria Kure-Wu

Amelie Tolsdorf

Neala W.

Joy Reißner

Romy Rasper

Noa Winter, Theaterwissenschaftler*in und Dramaturg*in

Anna-Rebecca Thomas, Theatermacher*in und Performer*in

Thủy-Tiên Nguyễn, Tanztheaterpädagog*in, Performer*in, Choreograf*in, politische*r Bildner*in, Aktivist*in

Matthias David

Weitere Unterzeichnende:

Feli

Jessica Mroß 

Ninia LaGrande

Caroline Barner, Regisseur*in

Anna Konrad

Esther Laurencikova

Jana Haberkern, Theatermacherin

Julia B.

Feministischer Streik Schaffhausen

Jule Schönleber

Wille Felix Zante

Melanie Zimmermann (Dramaturgin), Hamburg

Luise März

Annie Heger

Tierrechtsinitiative Lüneburg

Vera Johanna Jandt

Stefanie Glänzer

Olivia Hotz

R. Ort

Julia Baukelmann

Lars Köppen

Stefan Teschke

Juliane Hack

Lena Bitz

Daniela Gudat

Hannah C. Rosenblatt

J. S. Schmidt

Martina Schmirl

Andrea K.

Anke Osterhues, Mutter eines Kindes mit Trisomie 21 und selbst behinderte Person

Carolin Jüngst

Sabrina

Sara Asfaha

Kay Sommer

S.M.

Matt W.

Levi S.

Lena

Torben Rieckmann

Katja Husen

Ralf O., Vater eines Kindes mit Trisomie 21

Selim Busche

Justus Steinfeldt

Nadine Rokstein

Martin Reiter

Frédéric Valin

Nic Meyer

november

Crip Care Schweiz

Anna Wendorff

Andrea Hofmann

Anna Müller

LM Heß

Annkathrin K. 

Angela Alves, Choreografin, Berlin

Janosch Salzl

Sandra Zozmann 

Sofie Luckhardt 

Maja Hehlen, künstlerische Leitung von DanceAbility e.V.

Julia von Rein-Hrubesch

Jutta Reichelt

Judith Strodtkötter

Lars Marian P.

Nadja Dias, freie Produzentin

Jutta Henning

Wera Mahne, Regisseurin

Berit S.

Lisette Reuter, künstlerische Leitung Un-Label

Hami Nguyen

Anne Lautsch, Mutter eines Kindes mit Trisomie 21

Dorothea Franck

Mika Murstein, Autor_in

Klara Vogt

Charlotte Glenn

Nadja Brachmann, Karlsruhe

Fanny Jeschek

Kim Lea V., Studentin, Kulturvermittlerin und angehende Autorin mit Cerebralparese

Marie Johanna Weisser

Chelsie Amy Schreiber

Bettina Kastenhofer

Annalisa Weyel

Janne Pauls

Juan Harcha

Louisa Schneider

Lydia, selbst schwerbehindert

Julia Friebe

Kaja Timm

Dodzi Dougban, Inklusionsbeauftragter von ART.62

Juni Mond

Sina Illi

Liubov Andreeva

Svenja R.

Lena D.

Jay

Maximiliane Hesselmann

Toni Hinz

Andreas Czák

Nadine Fips

Patrick H.

Annika Becker

Johanna

minyo

Antonia Wolf

Anne

Fanny Kulisch

Andrea Seefeld

R. Breiten

Anne H.

Björn Butzen

Julia Rott

Tsepo Bollwinkel, Musiker, Theater Lüneburg

Simone M.

Tristan Marie Biallas, Künsternin

Caterina Schneider

Lili V

Tim Gerzmann

Lucia Gauss

Tabea Soergel

Rebecca Maskos

Theresia Degener

Cornelius Lätzsch

Even Sophie B.M

Markus Walloschek

Rickie

Eric Bednarz

Lotta Groeger

kati

Stephen Morrison

Katharina N.

Dany

Lula Witzescher, SnookerPRO

Susanne Jachalke

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86 Gedanken zu “Offener Brief an das Theater Erfurt

      1. behindernisse sagt:

        Danke! ❤ Wer nicht mit vollem Klarnamen unterzeichnen möchte, kann das sehr gerne auch nur mit Vornamen oder Username tun. 🙂
        Von einer Petition erhoffe ich (Ash) mir aktuell nicht mehr Reichweite, aber wenn irgendwer eine starten möchte, unterstütze ich das natürlich. 🙂

        Gefällt mir

  1. Dorothea Franck sagt:

    Kunst darf vieles, hier wurde aber eine Grenze überschritten, die ich als Kunststudentin mit Behinderung nicht akzeptieren kann und will. Danke für den offenen Brief den ich hiermit unterzeichnen möchte.

    Gefällt 1 Person

  2. Rickie sagt:

    Der Name dieses Theaterstücks und der Umgang mit dem berechtigen Beschwerden ist gänzlich abstoßend und unmenschlich. Ich hoffe, dass ich durch meinen Kommentar helfen konnte. Ich zeichne mit.

    Gefällt 1 Person

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