Mythos: „Der Doppelpunkt ist perfekt zum Entgendern.“

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Entgendern bedeutet: Wörter verwenden, die Menschen aller Geschlechter bezeichnen – zum Beispiel „Lehrer*innen“ oder „Lehrkräfte“. Viele Leute sagen dazu auch „gendern“.

Gendern bedeutet eigentlich, etwas mit einem Geschlecht in Verbindung zu bringen.

Screenreader sind Programme, die vorlesen, was auf einem Bildschirm zu sehen ist. Viele blinde Menschen und auch sehbehinderte und neurodivergente Personen nutzen sie.

In den letzten Jahren hat sich der „Gender-Doppelpunkt“ sehr schnell verbreitet. Maßgeblich dazu beigetragen hat die Behauptung, der Doppelpunkt sei barrierefrei:
Screenreader würden ihn, anders als Asterisk (Sternchen) und Unterstrich, automatisch „richtig“ vorlesen.
Das ist falsch. Tatsächlich bringt der Doppelpunkt diverse Nachteile mit sich und ist eine der schlechtesten Lösungen zum allgemeinen Entgendern.
Eine barrierefreie Art, mit Satz- oder Sonderzeichen zu entgendern, gibt es nicht. Der Doppelpunkt ist grundsätzlich auch nicht besser geeignet als Asterisk oder Unterstrich.

Im Gegenteil:

Für viele sehbehinderte und/oder neurodivergente Menschen ist der Doppelpunkt nicht gut zu erkennen oder verschwimmt vor den Augen. Screenreader lesen ihn oft als viel zu lange Pause vor – so lang, als würde ein neuer Satz beginnen. Gewollt ist aber eine kurze Pause im Wort, ein sogenannter Glottisschlag. Wir kennen diese kurze Pause zum Beispiel aus dem Wort Spiegel-Ei. Eine sehr lange Pause mitten im Wort ist störend und erschwert das Verständnis.

Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband und die Überwachungsstelle des Bundes für Barrierefreiheit von Informationstechnik empfehlen daher, den Asterisk zu verwenden, wenn mit Satz- oder Sonderzeichen entgendert wird.

Auch sehr viele nicht-binäre Menschen lehnen den „Gender-Doppelpunkt“ ab. Im Gegensatz zu Asterisk und Unterstrich hat er nämlich keine symbolische Bedeutung als Platzhalter, sondern steht für eine Trennung in zwei Hälften – also genau das, was wir nicht wollen. Es ist nicht überraschend, dass er in manchen konservativen Kreisen offiziell für eine Schreibweise verwendet wird, die sich ausschließlich auf Männer und Frauen beziehen soll: Wir werden wieder unsichtbar gemacht.

Um beim Entgendern möglichst wenige Barrieren zu schaffen, ist es empfehlenswert, geschlechtsneutrale Formulierungen ohne Satz- oder Sonderzeichen zu verwenden, wann immer es möglich ist. Zum Beispiel „Lesende“ oder „Leute, die das lesen“ statt „Leser“. Dabei ist es wichtig, sich auch an der eigenen Zielgruppe zu orientieren. „Lesende“ ist für manche Menschen schwieriger zu verstehen als „Menschen, die lesen“.

Um tatsächlich Barrieren für Menschen mit Screenreader abzubauen oder gar nicht erst zu schaffen, gibt es sehr viel hilfreichere Dinge als das Gerücht über den Doppelpunkt weiterzuverbreiten:
Am wichtigsten ist es, Alternativtexte für Fotos einzugeben – denn die kann der Screenreader dann vorlesen. Auf Instagram findet ihr diese Funktion beim Hochladen von Fotos unter erweiterte Einstellungen – Alternativtext hochladen.

Wenn ein Hashtag aus mehreren Wörtern besteht, sollte der Anfangsbuchstabe jedes Wortes großgeschrieben werden. So kann der Screenreader sie einfacher als getrennte Wörter erkennen. Beispiel: #GroßeBuchstabenMachen

Texte sollten nicht zu viele Emojis enthalten. Was für Sehende nur ein kleines Bild ist, klingt mit Screenreader nämlich zum Beispiel so: „Gesicht mit herausgestreckter Zunge und zugekniffenen Augen“.

Fazit: Der Doppelpunkt ist keine allgemein geeignete oder barriereärmere Alternative zu Asterisk und Unterstrich. Die Instrumentalisierung behinderter Menschen in Bezug auf dieses Thema muss endlich aufhören.

Weitere Tipps für barrierearmes Posten findet ihr auch in meinem (Instagram-)Beitrag Behindernisse in Insta-Posts. Fragt mich gern jederzeit, wenn etwas unklar ist oder ihr Unterstützung benötigt.
(Das kostenlose Angebot gilt nur für Privatpersonen, insbesondere andere mehrfach marginalisierte.)

2 Gedanken zu “Mythos: „Der Doppelpunkt ist perfekt zum Entgendern.“

  1. Wilhelm Gerike sagt:

    Ich lese Blindenschrift und mich ärgert, dass niemals darauf hingewiesen wird, dass das Sternchen dazu führt, dass Wörter in Blindenkurzschrift dann über Gebühr lang werden, wenn man gendert. Die Argumentation mit Screenreadern greift zu kurz, weil sie uns Blindenschriftleser schlicht ignoriert. Statt Barrieren abzubauen, werden neue errichtet, das kann nicht sein!

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    1. behindernisse sagt:

      Ich verstehe, dass dich das ärgert! Das ist einer der Gründe dafür, dass auch im Artikel steht, dass nach Möglichkeit geschlechtersensible Formulierungen ganz ohne Satz- oder Sonderzeichen verwendet werden sollen. 
Ich wünschte auch, der Fokus läge nicht so sehr auf der Screenreader-Kompatibilität. Leider behaupten aber so viele Menschen, der Doppelpunkt sei in dieser Hinsicht barrierefrei, dass dieser Punkt immer wieder aufgegriffen und korrigiert werden muss, wenn es ums Thema Entgendern geht.

      Viele Grüße
      Ash

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