„Hoffentlich merkt es keiner.“

Vor einigen Wochen bekam Ash auf Twitter eine Nachricht mit der Frage nach Ideen, wo ein Text über Depressionen anonym veröffentlicht werden könnte. Ash schlug unseren Blog vor.

Der Text heißt „Hoffentlich merkt es keiner.“ und wird im Audiofile von einem Menschen gelesen, der der Person, die ihn verfasst hat, nahesteht.

Anmerkung zum Inhalt: Im Text werden Depressionen, Suizid(gedanken), Christentum,  körperliche Gewalt und Diskriminierung von homosexuellen und trans Personen thematisiert. 

Hoffentlich merkt es keiner

Sonntag für Sonntag gehe ich in den Gottesdienst. Gebe biblischen Unterricht.
Bin nett und höflich und ein perfekter Christ.
Dass ich zweifle jeden Tag, mein Gebet nur noch klagt, nur meine Stimme und nicht mein Herz mitsingt, wissen sie nicht.
Hoffentlich merkt es keiner.

„Ich bin vom Fahrrad gefallen.“, sage ich, um meine blauen Flecken zu erklären.
„Habe nicht genug aufgepasst.“
Dass ich geschlagen und getreten, geschubst und verspottet, ausgegrenzt und bedroht wurde, sage ich nicht.
Hoffentlich merkt es keiner.

Ich solle doch mehr schlafen.
Weniger lesen, weniger zocken.
Einfach mal früher ins Bett.
Dass ich schlaflos liege jede Nacht, mich nur mit Koffein und Schmerz wachhalte jeden Tag und dann wieder schlaflose Nächte folgen, weiß er nicht.
Hoffentlich merkt es keiner.

Es wird wieder gelästert, wie immer. Über Schwule, Lesben, trans Personen.
Ich mache natürlich mit, kenne mich schließlich aus.
Dass ich nicht weiß, wer ich bin, von Identitätskrise in Identitätskrise rutsche, meine Worte mich selbst verletzen, erzähle ich nicht.
Hoffentlich merkt es keiner.

Über Selbstmörder fragt man sich: „Wie können sie es wagen, das g­rößte Geschenk einfach so wegzuschmeißen?“
„Das Leben ist doch viel zu schön, um es zu beenden.“, erwidere ich.
Dass ich erst vorhin am Bahngleis stand, ich nur noch bin, weil ich mich noch nicht getraut habe, verrate ich nicht.
Hoffentlich merkt es keiner.

„Wie geht’s dir?“, fragt man mich.
„Gut!“, sage ich. Wie üblich.
Dass ich innerlich zerrissen bin, ich mich taub und leer fühle, ich am liebsten zusammenbrechen würde, sieht niemand.
Wie es weitergeht, weiß ich nicht.
Hoffentlich merkt es keiner.
Hoffentlich merkt es keiner.
Hoffentlich merkt es endlich einer.

(Anonym)

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Ein Gedanke zu “„Hoffentlich merkt es keiner.“

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