Es geht ums Ganze

Dass Ableismus nur in Verbindung mit Staatskritik bekämpft werden kann, stimmt zwar nicht, aber: es hilft.

In diesem Artikel nehme ich größtenteils auf körperliche BeHinderungen bezug, da ich mich mit psychischen „Erkrankungen“ nicht auskenne.

Viele beHindertenfeindliche Äußerungen und Interaktionen können auf eine Verwertungslogik a la „Du leistest weniger, also bist du weniger wert“ zurück geführt werden, z.B. wenn BeHinderte eine erschreckend niedrige Rente bekommen wenn sie nicht arbeiten können, wenn Krankenkassen Anträge auf Hilfsmittel wieder und wieder ablehnen oder Betriebe sich aus der Pflicht, BeHinderte einzustellen, freikaufen. (Mehr Infos zur SchwerbeHindertenrente findet ihr hier.)

Wenn staatliche Institutionen Menschen mit BeHinderung strukturell ausschließen, sei es durch Powerpoint Vorträge bei Infoveranstaltungen, die für sehbeHinderte Menschen nicht ausreichend erklärt werden, es so gut wie nie Gebärdendolmetscher gibt oder der Zugang zu Ämtern nur über eine Treppe erreichbar ist -Bsp.: In Basel ist sogar die BeHindertenstelle nicht BeHindertengerecht.. Wenn ihr denkt, das seien ja jetzt nur willkürliche Beispiele: Nein, sind es nicht. Es findet ein, vielleicht sogar unbewusster, Ausschluss von Menschen mit BeHinderungen statt.  Anträge für Schwerbehindertenausweise sind in schriftlicher Form einzureichen, was für viele SehbeHinderte ein Problem darstellt, im Hamburger Stadtteil Bergedorf musste der Antrag in einem Amt abgeholt werden, welches keinen Schalter hatte, sondern wo ein Telefon bereit stand mit einer notierten Telefonnummer. Das Telefon hing in einer Höhe, dass Rollstuhlfahrer*innen nicht gut rankommen konnten, Menschen mit SehbeHinderung konnten die Telefonnummer nicht lesen. Wenn diese Hürde doch überwunden war, kam ein*e angerufene Sachbearbeiter*in, überreichte das kleinbedruckte Papier und verschwand wieder in ihrem Büro.

Ein weiteres Indiz für die staatliche Verweigerung einer Inklusion eingeschränkter Menschen ist das Teilhabegesetz, welches Menschen mit BeHinderung die staatliche Unterstützung erhalten, verbietet mehr als 2600€ zu sparen, dabei sind Partner*innen eingeschlossen! Dadurch werden kostspielige Behandlungen, die eins privat übernehmen könnte, rollstuhlgerechte Häuser, eine finanzielle Absicherung und Hilfsmittel fast unmöglich gemacht. Von „Luxus“ wie Urlaub ganz zu schweigen. Mehr zum Teilhabegesetz findet ihr hier.

julia

In einem Land zu leben das strukturellen Ausschluss fördert und nicht mal im Ansatz über Privilegien aufklärt, kotzt mich maßlos an. Nichtbetroffene sind gesellschaftlich und juristisch IMMER anders gestellt und wahrgenommen als Betroffene, egal um welche Diskriminierungsform es sich handelt. Männer* können nie darüber urteilen, ob es strukturelle Diskriminierung gegen Frauen gibt oder nicht, da sie nicht betroffen sind (Update: siehe unten), genauso können Menschen ohne BeHinderung nie beurteilen, ob BeHinderte diskriminiert sind, sie können Betroffene* allerdings unterstützen und ihnen Gehör und Glauben schenken und ggf. ihre Aussagen weiter verbreiten.

Wie sollen beHinderte Menschen in einer Gesellschaft leben, in der „behindert“ als Schimpfwort genutzt wird, im öffentlichen Fernsehen Moderatoren zugeben, dass sie nicht wissen, wie sie mit einem beHindertem Gast reden sollen und ihm vorwerfen er “ mache es ihnen aber auch schwer“? (Dies war der Fall in Folge 3 von Schulz & Böhmermann.)

Dass neben Ableismus auch immer andere Diskriminierungs- und Hierarchiestrukturen kritisiert und angegriffen werden müssen, steht dabei für mich außer Frage. Solange Sexismus, Rassismus, Klassismus und Antisemitismus an der Tagesordnung sind, konservative weisse Männer Entscheidungen über mein Leben fällen können, Gesetze und Gesellschaft mich daran hindern mir mein Leben zu gestalten, wird es keinen Frieden mit ihnen geben. Es kann keine ausschlussfreie und inkludierte Gesellschaft geben, wenn diese beherrscht und unter kapitalistischem Leistungsdruck vergraben wird. Das bedeutet, zumindest für mich, dass bestehende Verhältnisse zum Tanzen gebracht werden müssen, dass Menschen die von Diskriminierung betroffen sind, Aufmerksamkeit geschenkt werden muss.

Li(e)bertäre Grüße

*Ich habe den Beitrag geupdatet, da ich schrieb das Männer nicht von Feminismus betroffen seien. Ich wurde darauf hingewiesen, das einige feministische Strömungen und Gruppen das anders sehen, so das ich diesen Teil ersetzt habe. Wenn ich dazu einen Artikel finde verlinke ich den hier, falls ihr etwas habt, schreibt es gerne in die Kommentare.
*²Wenn ihr mehr über Privilegien und Kyriarchie erfahren möchtet guckt doch mal hier: Its not you, its kyriarchy

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4 Gedanken zu “Es geht ums Ganze

  1. BasementBoi (@BasementBoi) says:

    Ich verstehe Dein Anliegen möglichst selbstbestimmt leben zu können, ohne von Ämtern gegängelt zu werden. Das würde aber weniger Bürokratie vorraussetzen, was aber als Nebenwirkung hätte, das auf Einzelfälle nicht mehr konkret eingegangen werden könnte. Das wiederum hätte als Folge das Menschen eben ungerecht behandelt werden.
    Ich sehe natürlich auch, das bei mehr Bürokratie und gesetzlichen Regelungen die Bewegungsfreiheit um so größer eingeschränkt wirst, wie Du das hier beschreibst.

    Mir ist also nicht klar, in welche Richtung eine von Dir gewünschte Änderung der Politik nun gehen soll, auch weil es sich hier um ein Dilemma sich widersprechender Idealvorstellungen handelt.

    MfG.

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